Automobilzulieferer – raus aus der Innovationsfalle!

von Christian Summa

Die deutschen Automobilzulieferer fahren in ein Dilemma: Sie müssen neue Geschäftsmodelle entwickeln und dafür innovative Teams aus den eigenen Reihen an den Start bringen. Doch um eine zukunftsstarke Mannschaft abseits des bestehenden Geschäfts aufzubauen, fehlt ihnen oft das Geld. Wie können die Zulieferer die anstehende Transformation dennoch finanzieren? Die Lösung läge in einer staatlich flankierten Restrukturierung. Das Vorbild bewährt sich seit Langem in der Personalabbau-Praxis.


Optimismus ist der Mangel an Information. An diesen Satz musste ich denken, als ich mich vor kurzem mit dem Chef eines Automobilzulieferers am Rand eines Transformationskongresses unterhielt. Der Mann meinte in aller Ruhe: "Wer Komponenten für Verbrennungsmotoren fertigt, kann sein Geschäft noch lang erfolgreich betreiben. Denn wer will die Diesel und Benziner ernsthaft bald ins Museum schicken?" Also mir sind da gleich zwei zupackende Kandidaten eingefallen – China und unsere Bundesregierung.

Wer sich in Sicherheit wiegt, wird die Zukunft verschlafen

So möchte das Reich der Mitte auch das Reich der frischen Luft werden. Der Weg dahin ist ungemein weit, aber gerade deshalb kann es dem chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping über Nacht in den Sinn kommen, Autos mit Verbrennungsmotoren umgehend aus den Städten seines Landes zu verbannen. Und China ist einer der größten Absatzmärkte für deutsche Automobile.

Auch Berlin könnte den Hebel schnell mal umlegen – denn die EU macht in Sachen Umweltschutz Druck, und die Verbraucher freunden sich mit der Elektromobilität immer mehr an. Einen staatlich gepushten Systemwechsel halten Sie in Deutschland für unwahrscheinlich? Dann denken Sie an die spontane Entscheidung der Kanzlerin, die sogenannte Energiewende zu forcieren: Die gesamte Branche der Energieerzeuger wurde gezwungen, sich von heute auf morgen komplett neu aufzustellen.

Ein hoher Transformationsdruck entsteht jedoch schon jetzt durch eine unbändige Innovationsdynamik: Alternative Antriebstechniken, autonomes Fahren und völlig neue Mobilitätskonzepte brechen sich unaufhaltsam Bahn. Nichts ist eben so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

Neue Geschäftsmodelle brauchen neue Kompetenzen

Wie schnell die neue Automobilwelt Wirklichkeit wird, weiß niemand; doch der Umbruch kommt und er wird heftig sein. Für die Automobilzulieferer heißt das: Besser jetzt überlegen, womit sie ihr Geld verdienen können, wenn die Zeit für Einspritzpumpen, Auspuffanlagen und Co. abgelaufen ist.

Gefragt sind neue Geschäftsmodelle. Es geht zum einen darum, innovative Produkte für neue Märkte zu entwickeln. Und es geht zum anderen um neue Arbeitsformen, mit denen die Zulieferer schnell auf neue Trends und Kundenbedarfe reagieren können – die gewohnten langen Entwicklungszyklen der Branche sind in absehbarer Zeit genauso passé wie der Zylinderkopf.

Für diesen Wandel braucht es vor allem eins: Menschen, die aus Chancen Ideen machen und aus Ideen wettbewerbsfähige Produkte. Mechaniker und Ingenieure alter Schule haben dann immer weniger zu tun, umso mehr dafür Software- und Daten-Spezialisten, Materialtechniker und Experten für innovative Antriebe, aber auch Marktanalytiker, die heute wissen, was morgen gefragt ist. Und alle sollten in agilen Teams schnell auf neue Herausforderungen reagieren können.

Für den Wandel braucht es vor allem eins: Menschen, die aus Chancen Ideen machen und aus Ideen wettbewerbsfähige Produkte.

Innovationskraft kostet Geld

Genau an dieser Stelle zeigt sich ein grundlegendes Dilemma der gesamten Branche. Die erforderlichen Leute sind nicht leicht zu haben. Der Personalmarkt ist so hart umkämpft wie der Absatzmarkt. Also einfach Mitarbeiter aus den eigenen Reihen fit machen und in neue Geschäftseinheiten überführen? Doch so einfach ist es eben nicht. 

Denn wer heute Auspuffanlagen baut, muss bis auf weiteres in deren Weiterentwicklung investieren, um seine Firma nicht gleich gegen die Wand zu fahren. Für Teams, die abseits des traditionellen Geschäfts neue Wege gehen können, fehlt jedoch schlicht das Geld; die Margen in der Branche sind eng. Die Zulieferer stecken in der Innovationsfalle.

Was also tun? Hier hilft eine weite Perspektive. Zulieferer sind nicht nur bereits heute Thinktank und Innovationsmotor der Automobilwirtschaft; mit mehreren hunderttausend Beschäftigten sind sie auch eine entscheidende wirtschafts- und gesellschaftspolitische Größe. Ganze Regionen hätten ein massives Problem, wenn den Zulieferern die Luft ausginge.

Die Politik als Transformations-Enabler

Neben den Unternehmen steht deshalb auch die Politik in der Verantwortung. Es gehört zu ihren Kernaufgaben, einen Rahmen zu schaffen, in dem Unternehmen ihre Zukunft tatkräftig selbst erfolgreich gestalten können. Dabei reden wir nicht von ein paar einzelnen Firmen, sondern über einen kompletten Industriezweig, den der Staat nicht hängen lassen darf.

Und eine Lösung ist in greifbarer Nähe. Das Role Model dafür ist die Transfergesellschaft. Sie übernimmt Mitarbeiter, von denen sich ein Unternehmen trennen muss, qualifiziert sie maximal ein Jahr weiter und unterstützt sie dabei, einen neuen Job zu finden – alles staatlich finanziell gefördert.

Unser Tipp: Personalabbau ist keine leichte Aufgabe. Transfergesellschaften können dabei zuverlässig helfen. Viel zu oft bleibt dieses Instrument aufgrund von Vorurteilen ungenutzt. Woran Sie eine gute Transfergesellschaft erkennen, erläutert unser Experte Christian Heppe im Artikel "Transfergesellschaften sind Chancengesellschaften".

Nicht die Arbeitslosigkeit finanzieren, sondern den Erfolg    

Der Staat könnte mit entsprechenden Mitteln Unternehmen auch dabei zur Seite stehen, ihre Mitarbeiter intern weiterzuentwickeln und neue Geschäftsmodelle zum Laufen zu bringen. Das Pendant zum Transferkurzarbeitergeld wäre ein Transformationskurzarbeitergeld.

Die Unternehmen könnten damit auf einer wirtschaftlichen Basis Mitarbeiter aus dem originären Geschäftsbetrieb herausnehmen, mit Blick auf strategisch neue Kompetenzen qualifizieren und in zukunftsweisende Projekte einbinden. Ein solches Modell würde präventiv wirken, also Entlassungen bei entsprechenden Kosten vermeiden und Unternehmen und Mitarbeiter vorausschauend fit für die Zukunft machen. Warum warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist?

Der Staat könnte Unternehmen dabei zur Seite stehen, ihre Mitarbeiter intern weiterzuentwickeln und neue Geschäftsmodelle zum Laufen zu bringen. Das Pendant zum Transferkurzarbeitergeld wäre ein Transformationskurzarbeitergeld.

Transformationskurzarbeitergeld – Die Diskussion läuft

Die skizzierte Option ist so einfach wie wirkungsvoll. Intensiv diskutiert wird sie bereits von der IG Metall, der SPD und von anderen Akteuren. Auch der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit zeigt sich interessiert.

Mit der Bundesagentur sind wir in Sachen Transformationskurzarbeitergeld selbst im Gespräch. Es geht vor allem darum, klare Kriterien dafür zu benennen, wer in welchem Umfang gefördert wird. Immerhin hat die Agentur das Thema „Prävention“ schon in ihre Leitlinien aufgenommen.

Betroffen von dieser Diskussion sind auch Unternehmen anderer Branchen, die sich wie die Zulieferer zunehmend in der Innovationsfalle sehen. So sagen uns viele unserer Kunden, sie möchten ihre Mitarbeiter nicht entlassen, sondern halten und in innovativen Bereichen produktiv einsetzen: Retention und Redeployment stehen auf ihrer Agenda in Zeiten von Fachkräftemangel und Transformation weit oben.

Fazit: Vier Punkte für die Transformationsagenda

Unternehmen, die der Innovationsfalle entkommen wollen, können jetzt vier Dinge tun:

  • Sich umfassend informieren, welche Herausforderungen auf sie zukommen.
  • Im Schnittfeld entsprechender Risiken und Chancen innovative Geschäftsmodelle entwickeln.
  • Klären, welche Mitarbeiter sie dafür braucht und aus den eigenen Reihen entsprechende Teams aufbauen.
  • Und für diese Transformation die Finanzierung sichern, auch indem sie über ihre Verbände die Diskussion in Richtung Transformationskurzarbeitergeld lenken.

Mit dieser Agenda für eine gelingende Transformation können Zulieferer und Unternehmen anderer Branchen dann auch durchaus mit Optimismus nach vorn blicken.

Workforce Transformation in der Automotive Branche – Wir unterstützen Sie

Die Automobilbranche ist im Umbruch. In vielen Unternehmen wird sich die Beschäftigungsstruktur in den kommenden Jahren stark verändern, in vielen Fällen wird sich ein Personalumbau oder -abbau nicht vermeiden lassen. Ist Ihr Unternehmen für diese Zukunft gerüstet? Finden Sie es gemeinsam mit uns heraus. > Zur Infopage "Personalumbau in der Automotive Branche"

Über den Autor
 

Christian Summa

Christian Summa

Christian Summa ist Director Workforce Transformation und Partner bei von Rundstedt. Er leitet bundesweit die Kundenbetreuung in Restrukturierungen sowie Personalumbau- und -abbauprojekten. Der Diplom-Kaufmann verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung als Führungskraft und Berater bei Restrukturierungs- und Change-Management-Projekten. Vor seinem Einstieg bei von Rundstedt war er in den Branchen Luft- und Raumfahrt sowie Automotive tätig.

Telefon: +49 173 5 49 18 36 E-Mail: summa@rundstedt.de

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