Nachgefragt: Hat sich Outplacement durch die Corona-Krise verändert?

Interview mit Gamze Colak

Seit März 2020 prägt die Corona-Pandemie unseren Arbeitsalltag und die Wirtschaft: Remote Work, Kurzarbeit und Personalabbau sind die großen Themen, mit denen sich viele Unternehmen auseinandersetzen. Outplacement-Anbieter haben alle Hände voll zu tun, denn trotz des massiven Kostendrucks gilt für die meisten Unternehmen nach wie vor der Grundsatz, dass Trennungen anständig und fair erfolgen sollen. Gleichzeitig gilt der Arbeitsmarkt als schwierig – Freiwilligenprogramme verlieren ihre Mobilisierungskraft. Wir haben bei Outplacement-Expertin Gamze Colak nachgefragt: Wie wirkt sich die aktuelle Corona-Krise auf das Trennungsmanagement in Unternehmen aus?


Outplacement im Trend:
„Wir lassen unsere Mitarbeiter nicht hängen“

Setzen Firmen in der Corona-Krise mehr oder weniger Outplacement ein als zuvor?

Gamze Colak: Wir haben festgestellt, dass die Unternehmen aufgrund der Corona-Situation viel sensibler mit der Trennung von Mitarbeitern umgehen. Firmen, die bei Stellenabbau bisher nicht auf Outplacement gesetzt hatten, machen sich in der aktuell brisanten Marktsituation darüber Gedanken, wie sie jene Mitarbeiter unterstützen können, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Sie möchten die betroffenen Arbeitnehmer nicht hängen lassen und holen darum Outplacement-Spezialisten an Bord.

Gleichzeitig nutzen insbesondere Konzerne, die auch schon vorher Outplacement-Berater beauftragt haben, die Dienstleistung noch intensiver. Sie möchten ihren guten Ruf nicht riskieren und fühlen sich dafür verantwortlich, dass ihre Mitarbeiter eine Perspektive auf einen neuen Arbeitsplatz erhalten. Zusätzlich sehen sie Outplacement als „Mobilisierungsinstrument“ in den Verhandlungen mit Arbeitnehmern, denen sie eine Vertragsaufhebung anbieten. Denn die professionelle Outplacement-Beratung  bietet den Betroffenen eine zusätzliche Sicherheit, dass sie einen neuen passenden Job finden. So steigt die Bereitschaft für Veränderung. 

Lesetipp: Wie die Mobilisierung in Restrukturierungsprojekten gelingt und Sie Ihre Abbauziele erreichen, lesen Sie in unserem kostenfreien Leitfaden inklusive Praxisbeispielen und konkreten Handlungsempfehlungen.

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Arbeitsmarkt: von Stillstand keine Spur

Stimmt es, dass viele Menschen jetzt einen Arbeitsplatzwechsel scheuen?

Gamze Colak: Während und kurz nach dem ersten Lockdown im März 2020 stand zunächst auch der Arbeitsmarkt in gewisser Weise still. Wenige Menschen haben sich zu dieser Zeit aktiv mit dem Thema „Arbeitsplatzwechsel“ beschäftigt. Wer bereits auf Jobsuche war, musste seine Bewerbungsaktivitäten an die neue Situation anpassen und vielleicht auch das berufliche Ziel ändern. Als wir ein Webinar zur beruflichen Neuorientierung in der Corona-Krise  angeboten hatten, war dieses zwei Mal innerhalb weniger Stunden ausgebucht – die Menschen waren besorgt und wussten noch nicht, wie sie mit der neuen Situation auf dem Arbeitsmarkt umgehen sollten. 

Im Sommer kam wieder mehr Bewegung in den Markt – das haben wir in unserer Beratung stark gespürt. Zahlreiche unserer Klienten haben (virtuelle) Vorstellungsgespräche geführt, neue Jobs gefunden und Arbeitsverträge geschlossen. In der Regel sind alle Klienten bei ihrem neuen Arbeitgeber gestartet, auch wenn erst einmal in Kurzarbeit. Zusätzlich haben wir festgestellt, dass die Probezeit – entgegen vieler Befürchtungen – nicht zum Schleudersitz wurde. Seither sind die Menschen auch wieder offener für einen Arbeitsplatzwechsel. Sie haben sich mit der Situation arrangiert und wissen, dass uns die Pandemie länger begleiten wird. 

Natürlich gibt es Unterschiede, wenn wir uns die verschiedenen Arbeitnehmer-Typen anschauen.

Wer sich schon länger mit einem Wechsel beschäftigt hat und ein gesuchtes Jobprofil bietet, ist eher bereit, den nächsten Schritt zu gehen als ein Mitarbeiter, der sehr sicherheitsorientiert ist und womöglich mit harter Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt rechnen muss. In beiden Fällen kann ein besonders attraktives Trennungspaket den Ausschlag geben, zum Beispiel eine großzügige Abfindung in Kombination mit einer Outplacement-Beratung.

Bei sicherheitsorientierten Arbeitnehmern geben oft Garantie-Programme – also eine gesicherte Begleitung bis zum neuen Job – den entscheidenden Impuls.

Wo liegen Chancen für wechselwillige Mitarbeiter?

Gamze Colak: Was ich derzeit wahrnehme ist, dass Chancen insbesondere für diejenigen da sind, die sich sowieso neu aufstellen möchten: Quereinsteiger und Menschen, die sich neu erfinden wollen. Oder Selbstständige, die eine Geschäftsidee haben, die sich trotz – oder gerade wegen Corona – jetzt realisieren lässt. 

Chancen bestehen aktuell aber auch für jene, die sich neuorientieren müssen, weil es ihren Arbeitsplatz im Betrieb zukünftig nicht mehr geben wird. Denn die Corona-Krise gibt ihnen die Möglichkeit, sichtbarer zu sein. Vor Corona hatten wir einen arbeitnehmerfreundlichen Markt, welcher automatisch mehr Mitbewerber mit sich brachte. Weil nicht viele potenzielle Kandidaten gerade für einen neuen Job offen sind oder durch Kurzarbeit noch im alten Unternehmen gehalten werden, hat man nicht so viel Konkurrenz. 

Zusätzlich ist es ja auch so, dass durch die Corona-Krise neue Job-Chancen entstanden sind, die es vorher so nicht gegeben hat. Unternehmen haben sich neu aufgestellt oder wurden neu gegründet. Jobprofile, die vorher wenig gefragt waren, erleben einen neuen Boom. Oder es sind komplett neue Stellen entstanden. Das belegen zahlreiche Auswertungen. Zum Beispiel hat das Karriereportal Xing gerade eine interessante Trendjob-Analyse für den DACH-Raum durchgeführt und eine Reihe von Berufen identifiziert, für die trotz oder gerade wegen Corona verstärkt Personal gesucht wird. 

Menschen haben jetzt die Chance, sich in neue Richtungen zu verändern.

Für die mutigen Arbeitnehmer stehen die Aussichten gut, sich erfolgreich neu zu orientieren, auch wenn sie aktuell – je nach Profil – etwas geduldiger sein müssen. Im besten Fall werden Jobsuchende durch einen Karriereberater optimal vorbereitet, sodass sie ihr Profil am Arbeitsmarkt treffsicher positionieren. 

Mobilisierung – der Schlüssel beim Personalabbau

Wie können Unternehmen ein Freiwilligenprogramm auch in der Corona-Krise zum Erfolg führen?

Gamze Colak: Je transparenter der Prozess, desto erfolgreicher ist er. Wir empfehlen jedem Kunden, ein abgestimmtes Kommunikationskonzept aufzusetzen, sodass alle Maßnahmen sinnvoll ineinandergreifen. Das beinhaltet unter anderem auch Trainings zur Vorbereitung auf Trennungsgespräche, denn dieses ist ein ganz wesentlicher Faktor für die Mobilisierung. Wenn Vorgesetzte das Gespräch nicht richtig führen, können sie viel kaputt machen. Kommunikation ist in solch sensiblen Situationen das A und O: Klare Botschaften setzen, Fragezeichen aus dem Weg räumen, das Trennungspaket gut erläutern – das alles hilft dabei, Mitarbeiter zu mobilisieren.

Lesetipp: Bereiten Sie sich mithilfe unseres kostenfreien Leitfadens auf anstehende Trennungsgespräche vor. Wir haben konkrete Handlungsempfehlungen und Formulierungshilfen für Sie zusammengestellt. Für ein Inhouse-Training sprechen Sie uns bitte an.

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Natürlich spielt auch das Angebotspaket selbst eine entscheidende Rolle. Was bieten Unternehmen ihren Mitarbeitern an, die freiwillig einen Aufhebungsvertrag unterzeichnen sollen? Neben einer attraktiven Abfindung und beispielsweise Sprinterprämien bietet die Beratung zur beruflichen Neuorientierung zusätzliche Sicherheit. Warum die berufliche Perspektive so wichtig ist, hat mein Kollege Attila Kahn in einem Artikel schön zusammengefasst: Mit Geld kann man sich keinen neuen Job kaufen.

Ebenfalls wichtig in Freiwilligenprogrammen ist der Faktor Zeit. Dem Mitarbeiter muss die Zeit gegeben werden, sich mit der neuen Situation zu beschäftigen. Zuerst wird das Trennungsgespräch geführt, dann folgt ein Angebot sowie gegebenenfalls ein Informationsgespräch zu Outplacement. Zusätzlich sollte ausreichend Zeit für Gespräche mit Freunden, Familie und einem Anwalt eingeplant werden. Die Menschen brauchen Unterstützung, um eine Entscheidung zu fällen.

Ich habe auch beobachtet, dass längere Freistellungszeiten für viele Arbeitnehmer attraktiv sind, weil sie sich so besser auf die Suche nach einer neuen Position konzentrieren können.

Haben Sie einen „Geheimtipp“ für Unternehmen, die ihrem Freiwilligenprogramm zusätzlichen Schwung verleihen möchten? 

Gamze Colak: Ein Geheimtipp ist es sicher nicht, aber nach unserer Erfahrung ein sehr wirkungsvolles Instrument: Perspektivenberatungen. Diese unverbindlichen und vertraulichen Gespräche mit einem externen Karriereberater vermitteln dem Angestellten ein gutes Gespür für die individuellen Chancen auf dem internen sowie externen Arbeitsmarkt. Perspektivenberatungen verpflichten zu nichts, sondern bilden die fundierte Grundlage für eine Entscheidung über den nächsten Karriereschritt. Oft fassen die Menschen in diesen Beratungsgesprächen den Mut, sich neu aufzustellen, weil sie erst jetzt ihre Job-Chancen realistisch einschätzen können. 

Bei rentennahen Jahrgängen bieten sich darüber hinaus Beratungsgespräche mit Renten- und Steuerberatern an. Mehr dazu lesen Sie im Fachartikel von Christian Summa über das sogenannte Brückenmodell.

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