Unser Autor Toralf Kleinsorge hat für Sie “Stop Bullshit Work: Wie Unternehmen im Zeitalter von Overflow ihre Produktivität retten können” von Vera Starker gelesen. Sein Urteil: ein echtes Arbeitsbuch, das zu einem der wichtigsten Bücher für HR-Verantwortliche im Jahr 2026 (und darüber hinaus) werden sollte.
Ein Hoffnungsschimmer glitzert verführerisch in vielen Unternehmen: die Einführung von KI wird eine Arbeitswelt schaffen, die die Mitarbeitenden von lästigen Routineaufgaben befreit, so dass sie Fokus und Kreativität frei und produktiv leben können.
Das neue Buch der Berliner Wirtschaftspsychologin und Rechtsanwältin Vera Starker mit Schwerpunkt Wirtschaftsrecht schiebt diese populäre Idee in das Reich der Illusionen, um im ersten Schritt die ungeschönte Wirklichkeit von Arbeit und Leistung in den meisten Unternehmen zu skizzieren. Die Schroffheit der Darstellung, die sich auch im Titel manifestiert, mag zuerst irritieren. Aber wer der erfahrenen Beraterin aufmerksam folgt, merkt bald, dass sie es nicht bei der ernüchternden Bestandsaufnahme belässt, sondern konkrete Hebel für mehr Produktivität und Innovationskraft von Unternehmen und Beschäftigten empfiehlt.
Die zentrale These von Vera Starker ist unbequem, aber empirisch fundiert: Ein erheblicher Teil der Wertschöpfungsverluste in Unternehmen entsteht nicht durch mangelnde Leistungsbereitschaft, sondern durch strukturell erzeugte „Bullshit Work“ – also Tätigkeiten, die Führungskräfte und Mitarbeitende beschäftigt wirken lassen. Es wird zwar keine wertschöpfende Arbeit geleistet, aber eindrucksvoll Engagement inszeniert, dass leider immer noch für Karrierepfade von großer Bedeutung ist. Multitasking, permanente Unterbrechungen und eine Meeting-Kultur ohne Ergebnisorientierung sorgen zwar für geräuschvolle Umtriebigkeit, deren Signale immer noch leicht in die oberen Führungsetagen aufsteigen. Ihre Folgen für Produktivität und Innovationskraft sind jedoch gerade im Bereich der Wissensarbeit fatal.
Stop Bullshit Work: Wie Unternehmen im Zeitalter von Overflow ihre Produktivität retten können von Vera Starker, 2026, rossberg (ISBN 978-3948612238)
Bildquelle: nicolezaetzsch.de/vera-starker/
Für HR-Verantwortliche und -Experten besonders relevant: Vera Starker verschiebt die Perspektive konsequent weg vom Individuum hin zur Organisation. Nicht das Optimieren des einzelnen Mitarbeiters und seiner Leistungsfähigkeit, sondern die konsequente Arbeit am System der Leistungserbringung im gesamten Unternehmen sichert die Zukunftsfähigkeit. Das Buch liefert dafür keine wohlfeilen Appelle, sondern konkrete Ansatzpunkte für alle(!) Stakeholder im Unternehmen. Daher findet hier HR ein Arbeitsfeld, das die eigene Rolle stärkt und weitere Stakeholder aktivieren kann. Die Autorin beschreibt konkrete Einstiegspunkte, um an diesen vier wesentlichen Herausforderungen zu arbeiten:
- Aufbau einer fokussierten Organisation statt noch mehr aufgehübschter Projekte, die mehr Effizienz und Performance versprechen
- Reduktion von organisationalem Multitasking als immer noch unterschätzter Transformationstreiber
- Gestaltung einer neuroergonomischen Arbeitsumgebung, die Produktivität messbar und nachhaltig steigert
- Kritische Hinterfragung von sechs Produktivitätsmythen, die in nahezu jedem Unternehmen gern kolportiert werden
Eine besondere Stärke von Vera Starker als Autorin mit wissenschaftlichem Anspruch und Beraterin mit langjähriger Projekterfahrung ist es, Erkenntnisse aus der Forschung der Neurowissenschaften, Arbeitswissenschaft und Betriebswirtschaft mit praktischen Interventionen aus realen Unternehmensprojekten zu verknüpfen.
Daher wäre es sehr schade, wenn das flüssig geschriebene Buch nur als folgenlose Cappuccino-Lektüre genutzt werden würde. Wir empfehlen dieses dreistufige Verfahren, dessen Getränkeempfehlungen gern nach den eigenen Vorlieben angepasst werden kann:
1. Espresso-Lesesprint: Nehmen Sie sich ungestörte 60 Minuten Zeit für die erste Durchsicht des Buches, um eine Auswahl für die zweite Phase zu nehmen. Blättern Sie locker weiter, wenn Ihnen die Thesen bereits vertraut sind, und markieren Sie mit Stift und Klebenotizen neue Ideen und Impulse.
2. Zitronensaft-Vertiefungsphase: Jetzt kommt der schwierige Abschnitt der Auswahl von Hebeln in den einzelnen Handlungsfeldern, die für Ihre Organisation sinnvoll und passend sind. Der saure Geschmack des Getränks soll Sie immer wieder an die Begrenztheit der Ressourcen und Mitstreiter erinnern. Wer alles will, wird nichts gewinnen.
3. Virgin-Mojito-Umsetzungsschritt: Nehmen Sie Ihr Team oder Ihre Mitstreiter an einen ungewohnten und zugleich ungestörten Ort mit, an dem Sie Ihre Ableitungen aus dem Buch vorstellen und zum radikal offenen Austausch einladen. Die sechs Zutaten des alkoholfreien Getränks lassen sich leicht besorgen und an beliebige Locations transportieren. Zugleich können Sie die Zutaten als Metapher für die Beschreibung jener Hebel nutzen, die zu mehr Fokus, Wertschöpfung und Innovationskraft in Ihrer Organisation führen.
Fazit
„Stop Bullshit Work“ ist ein echtes Arbeitsbuch, das zu einem der wichtigsten Bücher für HR-Verantwortliche im Jahr 2026 (und darüber hinaus) werden sollte. Empfehlen Sie es gern auch Ihren Kolleginnen und Kollegen in den Fachbereichen und Ihrem Betriebsrat. Vielleicht platzieren Sie einige Exemplare an markanten Orten im Unternehmen und beobachten neugierig die Dynamik im Hause?
Über den Autor
Senior Consultant
Toralf Kleinsorge berät HR-Verantwortliche in Berlin und Brandenburg zu den Themen Neuorientierung für Führungskräfte, Restrukturierung in der Krise und Transformation im Strukturwandel. Zugleich erarbeitet er Projekt- und Eventkonzepte sowie Studien zur Workforce Transformation in Großunternehmen und im industriellen Mittelstand.