Automobilzulieferer
im Zangengriff

Ein Interview mit Dr. Alexander Jaroschinsky

Die Automobilzulieferer stecken im Zangengriff zwischen Personalengpass und Personalabbau. Wir haben mit Dr. Alexander Jaroschinsky gesprochen, wie insbesondere der Mittelstand auf die aktuellen Herausforderungen reagieren kann. (Zur Langversion)


Was sind die kurzfristigen Herausforderungen für mittelständische Zulieferer? Was erleben Sie in Projekten? 

Dr. Alexander Jaroschinsky: Insbesondere die Profitabilität ist für viele mittelständische Zulieferer ein ernstes Problem. Geringere Abrufmengen flankiert von einer höheren Kostenbasis machen vielen Zulieferern zu schaffen. In der Bilanz beobachten wir häufig einen Anstieg des Working-Capitals, bedingt durch die höhere Kostenbasis der Rohstoffe und die teils hohen Abweichungen zwischen Abrufen und Ist-Liefermengen. Deutlich stärker als bisher sollten wir auf den Investitions-Cashflow schauen. Wer als Zulieferer zukunftsfähig sein möchte, muss aufgrund des Strukturwandels und dem Thema Nachhaltigkeit (Stichwort: ESG) massiv in neue Technologien investieren.

In den Medien finden sich regelmäßig Nachrichten über die großen Zulieferer, aber von den mittelständischen Zulieferern, die in der Regel deutlich unter 10.000 Mitarbeitern liegen, liest man wenig. Findet hier ein stiller Leidensprozess statt, den Sie vor Ort erst in seinem ganzen Ausmaß erkennen können?

Dr. Alexander Jaroschinsky: Die mittelständischen Zulieferer sind von der aktuellen Situation noch deutlich stärker betroffen als die großen Zulieferer, über die in der Presse berichtet wird. Wobei auch hier wieder unterschieden werden muss und die Betroffenheit stark davon abhängt, in welchen Segmenten ich als Zulieferer tätig bin, welche Liquiditätspolster ich besitze, wie das Commitment der Shareholder aussieht, auch frisches Kapital ins Unternehmen zu geben.

Welche Handlungsempfehlungen geben Sie Ihren Kunden?

Dr. Alexander Jaroschinsky: Es muss eine holistische Lösung gefunden werden, die alle Sanierungsmaßnahmen verzahnt, die Krisenursachen abstellt und ein schlüssiges strategisches Zielbild ergibt, wie der Zulieferer auch noch in Zukunft sein Geld verdient. Generell lässt sich festhalten, dass die Innenfinanzierung aufgrund des niedrigen Zinsumfeldes in den letzten Jahren zum Teil vernachlässigt wurde. Doch gerade jetzt ist es essenziell, das Working Capital so effektiv wie möglich zu managen, um keinen unnötigen Finanzierungsbedarf aufkommen zu lassen.

Zulieferer müssen deutlich mehr bezahlen, um überhaupt Teile zu bekommen bzw. Teile zu produzieren. In der Folge ist das Repricing ein relevantes Thema. Neben den finanziellen Aspekten müssen Zulieferer die Kostenstrukturen so flexibel und niedrig wie möglich organisieren. Ist ein Automobilzulieferer stark vom Antriebsstrang des Verbrennermotors abhängig, werden Kostensenkungsmaßnahmen nicht ausreichen, um den Zulieferer nachhaltig zu sanieren.

Das Geschäftsmodell muss angepasst werden. Ebenfalls ist das Thema Nachhaltigkeit bzw. die ESG-Kriterien ein Thema, welches gekommen ist, um zu bleiben und wird von den Finanzinstituten bei der Kreditvergabe oder bei den OEMs im Rahmen der Vergabe von Neuprojekten aktiv eingefordert.

Sprechen wir über die bereits erwähnten steigenden Personalkosten. Welche Maßnahmen sehen Sie aktuell in Ihren Beratungsprojekten?

Dr. Alexander Jaroschinsky: Große Personalentlassungsprogramme sind ein wichtiges Thema geworden. Gerade kleine und mittelständische Zulieferer sind bei dem Thema Personalabbau aus Gründen der Sozialverträglichkeit generell zurückhaltend. Ein weiteres und hochaktuelles Thema ist der Einsatz von KI, wobei das ebenfalls wieder primär ein Thema bei den großen Zulieferern ist. Steigerung des Automatisierungsgrades ist ebenfalls eine Maßnahme gegen die Personalkosten, jedoch stark vom Geschäftsmodell bzw. dem Fertigungsprozess abhängig.

Bei kleinen und mittelständischen Zulieferern beobachte ich gerade wieder vermehrt die Themen Kurzarbeit und temporäre Werkschließungen in den Ferienzeiten. Abschließend spielen Werksverlagerungen eine immer relevantere Rolle.

Welche Rolle spielen heute schon Personalengpässe in der Zuliefererindustrie und welche Wechselwirkungen treten hier mit den steigenden Personalkosten auf?

Dr. Alexander Jaroschinsky: Aktuell sehe ich kein Projekt, in dem das Thema Fachkräftemangel keine Rolle spielt. Es ist vollkommen klar, dass bestimmte Arbeitsplätze obsolet oder ersetzt werden. Andere Arbeitsplätze bleiben relevant oder gewinnen an Bedeutung. Das lässt die Löhne für Fachpersonal noch schneller ansteigen.

 

So wird der Zangengriff zwischen steigenden Personalkosten und chronischen Personalengpässen für die Unternehmen noch schmerzhafter und zum betriebswirtschaftlichen Risiko.

Welchen Blick haben mittelständische Zulieferer auf Ihre Beschäftigten? Ändert sich dieser in Krisensituationen?

Dr. Alexander Jaroschinsky: Ich habe schon die komplette Spannbreite erleben dürfen. Gerade in der aktuellen Zeit, verbunden mit einem immensen Fachkräftemangel in vielen Bereichen, sollten Leistungsträger als eine der bzw. die wertvollste Ressource von Unternehmen betrachtet werden. Bei ihnen liegt das produktbezogene und fertigungsspezifische Fachwissen. Geht dieses Fachwissen z. B. durch freiwilligen Exit oder falschen Personalabbau verloren, ist dies mit höheren Kosten bei der Nachbesetzung verbunden und gleichzeitig ist die Gefahr groß, dass gerade das durch Jahrzehnte lange Erfahrung erworbene informelle Fachwissen oft nicht ersetzt werden kann.

Gerade in Krisensituationen sind vor allem die Leistungsträger zu halten. Deshalb ist es essenziell, sie im Restrukturierungs-/Transformationsprozess mitzunehmen und ihnen eine Perspektive zu geben. Ein Management oder Berater, die diese Situation verkennen, handeln grob fahrlässig.

In den Medien lesen wir wieder verstärkt von Standortverlagerungen ins östliche Mitteleuropa. Wiederholt sich hier der Exodus von Industrie-Arbeitsplätzen in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren? 

Dr. Alexander Jaroschinsky: Standortverlagerungen bzw. Produktions-Footprint-Optimierungen sind ein sehr relevantes Thema. Gerade, weil Zulieferer die Kostenstrukturen so flexibel und niedrig wie möglich organisieren müssen. Das heißt, wir sprechen nicht nur über Standortverlagerungen, sondern auch über Standortkonsolidierungen.

Sind aus Ihrer Sicht eher die Personalkosten oder der Personalengpass ausschlaggebend für eine Standortverlagerung?

Dr. Alexander Jaroschinsky: Die Personalkosten sind nach wie vor der entscheidende Faktor. Natürlich kann und sollte eine Standortverlagerung auch Abhilfe bei Personalengpässen schaffen. In der Praxis verlagern und produzieren Zulieferer häufig in regionalen Clustern in der Nähe zu den Automotive-Kunden. Aufgrund der Ballung der vielen Automotive-Zulieferer und OEMs entsteht wieder ein harter Wettbewerb um die qualifizierten Fachkräfte. Hierunter leiden insbesondere mittelständische Zulieferer, da die großen Tier-1-Zulieferer und OEMs höhere Gehälter bezahlen können und einen stärkeren Employer Brand haben.

In der Folge darf der Funktionsbereich Human Resources, gerade im Mittelstand, nicht als rein administrative Abteilung gesehen werden. Themen wie Employer Branding oder Workforce Transformation sind überlebenswichtig.

 

Daher wird das Zusammenspiel von Management und HR-Funktion bei der strategischen Standortüberlegung immer wichtiger.

Schauen Sie eher optimistisch oder pessimistisch auf die Zukunft der mittelständischen Zulieferer in Deutschland?

Dr. Alexander Jaroschinsky: Ich gehe von einer weiteren Konsolidierung unter den Zulieferern aus, was insbesondere den Mittelstand betreffen wird. Der flankierend von einem Beschäftigungsabbau begleitet wird – das sehen wir an den aktuellen Kostensenkungsprogrammen, die in der Branche gefahren werden. Zudem spricht hierfür auch die Herstellung von EV, die weniger personalintensiv ist als die ICE-Fahrzeuge. Der Strukturwandel wird die Unternehmen zweifellos herausfordern und nicht alle werden am Markt bleiben.

Aufgrund der langfristigen Erholung der globalen Absatzmärkte und des prognostizierten Wachstums der globalen Absatzzahlen gehe ich davon aus, dass der Zulieferermarkt weiterhin ein Wachstumsgeschäft bleibt – jedoch mit anderen Teilen/Produkten bei zum Teil anderen Kunden.

Herzlichen Dank für die spannenden Einblicke. 

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Über den Interviewpartner

Dr. Alexander Jaroschinsky

Partner

Dr. Alexander Jaroschinsky ist Partner bei EY-Parthenon im Bereich Turnaround and Restructuring Strategy und begleitet überwiegend Restrukturierungs- und Performanceprojekte in der nationalen und internationalen Automobilzuliefererindustrie.

E-Mail: alexander.jaroschinsky@parthenon.ey.com

Lesen Sie auch das Interview mit Dr. Philipp Kinzler zur Lage der Automobilzulieferer im Mittelstand.

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