Die chemische Industrie steht vor großen Veränderungen: Energiepreise, Klimaziele und der globale Wettbewerb verlangen neue Antworten. Wir haben mit Dr. Andreas Ogrinz, Geschäftsführer Fachkräfte, Innovation, Europa beim Bundesarbeitgeberverband Chemie e.V. (BAVC), darüber gesprochen, wie die Branche den Wandel gestalten kann.
Deutschlands größter Chemiekonzern hat gerade seine weltweit drittgrößte Produktionsstätte im südchinesischen Zhanjiang mit einem leistungsstarken Steamcracker in Betrieb genommen. Zugleich hat ein US-amerikanischer Chemiekonzern die Schließeung seines Steamcrackers im mitteldeutschen Böhlen angekündigt. Lässt sich hier ein “Go East”-Trend für die chemische Industrie erkennen, den wir schon länger in der Automobilindustrie beobachten?
Dr. Andreas Ogrinz: Wir sehen zunehmend in der chemischen Industrie, gerade in der Grundstoff-Chemie, die sehr energieintensiv ist, Abwanderungstendenzen. Die Kostensituation ist insgesamt sehr, sehr schwierig am Standort Deutschland.
Sie sprechen von „Go East“, das ist nicht falsch. Ich würde aber darüber hinaus vom „Go out of Germany“-Trend sprechen. Das hat viel mit dem Standort Deutschland zu tun. Das sehen Sie auch in zahlreichen Untersuchungen, die die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschlands analysieren. Da stehen wir wirklich nicht nur schlechter da, sondern wir sind auf einem absteigenden Ast. Hier muss dringend etwas geschehen.
Der Trend zur Dekarbonisierung und die weitere ökonomische Expansion Chinas wird sich nicht aufhalten lassen. Wie können Politik, Wirtschaft und Mitbestimmung an industriepolitischen Rahmenbedingungen arbeiten, damit Transformation nicht zu Deindustrialisierung führen wird? Oder haben Sie angesichts des viel zitierten Stillstands schon die Hoffnung verloren?
Dr. Andreas Ogrinz:
Als Arbeitgeberverband und als Mensch lasse ich die Hoffnung nie fahren. Man kann Dinge immer besser machen und sogar das Ruder herumreißen. Oft beginnt es mit einer Ruck-Rede, wie es Roman Herzog vor vielen Jahren tat.
Ich sehe positive Signale bei der Bundesregierung, die aber noch ausbaufähig sind. Trotzdem findet die Deindustrialisierung bereits statt und wird auch kurzfristig nicht zu stoppen sein. Wir haben davor lange gewarnt. Wenn Sie sich die internationalen Wettbewerbsbedingungen anschauen oder die Kräfteverhältnisse, insbesondere der globalen Chemieindustrie, da ist die europäische und speziell die deutsche Chemieindustrie schon seit Jahrzehnten auf dem Rückzug. Das lässt sich anhand der Marktanteile messen, wie sie der Europäische Chemieverband (CEFIC) regelmäßig veröffentlicht.
Jetzt müssen wir allerdings feststellen, dass der Industriestandort selbst massiv unter Druck geraten ist. Das kostet bereits Arbeitsplätze, weil die Umstrukturierungen ja schon stattfinden. Das ist schon etwas Neues für uns, dass Anlagen zurückgebaut werden, Produktion verlagert wird und damit auch Arbeitsplätze abgebaut werden. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass man das noch besser machen kann und bestimmte Dinge aufhalten kann. Aber insgesamt geht es jetzt erstmal in eine negative Richtung.
Die besondere Sozialpartnerschaft in der Chemie hat sich über Jahrzehnte von stabilem Wachstum und globalem Markterfolg entwickelt. Erwarten Sie, dass diese sich jetzt schwieriger gestalten lässt oder vielleicht gar nicht mehr so fortgesetzt werden kann?
Dr. Andreas Ogrinz: Sozialpartnerschaft ist ein hoher Wert, weil das eine bestimmte Kultur des Miteinanders ist. Da geht es darum, dass man Interessenskonflikte, die vorhanden sind, auf eine Art und Weise austrägt, die eine längerfristige Verständigung weiter ermöglicht. Damit wird zugleich Polarisierung verhindert.
Im Metallbereich gibt es eine ähnliche, divergierende Interessenlage zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, aber man pflegt dort einen ganz anderen Stil. Das halten wir für falsch. Wir haben seit 1971 keinen Streik mehr in der chemischen Industrie gehabt. Deswegen halten wir das Modell der Sozialpartnerschaft, wie wir es praktizieren, für gut und für vorbildlich. Wir wollen es erhalten. Das ist uns sehr wichtig. Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass wir die Sozialpartnerschaft modernisieren müssen, wenn sie weiter funktionieren, befrieden und Konsens stiften soll. Dann müssen die Sozialpartner, also die Arbeitgeberseite und, ich finde vor allen Dingen, die Gewerkschaft, sich auch verändern.
Wenn ich mir einige Positionen aus dem Gewerkschaftslager angucke, dann habe ich schon den Eindruck, dass Rezepte von vor 20, 30 oder gar 40 Jahren aus der sprichwörtlichen Mottenkiste geholt werden. Ich glaube, eine Gewerkschaft muss den Mut haben, alte Zöpfe abzuschneiden. Da ich das noch zu wenig erkennen kann, mache ich mir ernste Sorgen um die Sozialpartnerschaft.
Können Sie hier ein Beispiel aus dem Themenbereich Fachkräfte nennen, den Sie beim BVAC verantworten?
Dr. Andreas Ogrinz: Nehmen wir ein Beispiel aus der Ausbildung. Hier sagen die Gewerkschaften seit Jahrzehnten, dass eine Ausbildung drei bis dreieinhalb Jahre dauern muss, um eine richtige Ausbildung zu sein. Das klingt jetzt wie eine Kleinigkeit, aber Experten in der Berufsausbildung wissen, dass es zweijährige Berufsausbildungen gibt, die nachgefragt werden.
In unserer Branche ist die Produktionsfachkraft Chemie ein solcher Beruf. Die DGB-Gewerkschaften sind erst mal gegen so eine kürzere Ausbildung, obwohl der Bedarf da ist, sowohl von jungen Menschen als auch von Unternehmen. Die ablehnenden Argumente der Gewerkschaft sind hier sehr, sehr dünn. Das ist so ein typischer alter Zopf.
Bei welchen Themen rund um Fachkräfte sehen Sie Chancen, dass man mit dem Sozialpartner neue Zöpfe flechten kann?
Dr. Andreas Ogrinz: Ich sehe hier viele Schnittmengen zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite, weil beide Seiten die richtigen Fachkräfte für die Branche haben wollen. Das ist aber für die Branche insofern eine Herausforderung, als wir auf der einen Seite gegenwärtig weniger Menschen brauchen, die auch freigesetzt werden.
Auf der anderen Seite brauchen wir aber die richtigen Leute. Wir müssen daher auch Leute einstellen. Manche nennen das Fachkräfteparadox. Das heißt, wir brauchen viele Kompetenzen im Bereich IT, speziell auch KI, und alles, was mit Nachhaltigkeit zu tun hat und die Transformation ermöglicht.
Das ist personalpolitisch eine Riesenherausforderung , weil wir eine Branche sind, die massiv unter Druck und dadurch erst mal nicht so attraktiv ist. Ich hoffe, dass wir diese große Aufgabe gemeinsam mit einer Gewerkschaft angehen können, die sich für Neues öffnet.
Als ein neues personalpolitisches Instrument zur Bewältigung der Transformationskrise werden so genannte Personaldrehscheiben genannt, aufgesetzt und implementiert. Bei von Rundstedt haben wir hier auch erste Projekte in der Großindustrie realisiert. Sie haben gemeinsam mit der IGBCE einen sogenannten Fachkräfte-Radar entwickelt. Wie sehen hier Ihre bisherigen Erfahrungen aus?
Dr. Andreas Ogrinz: Bei unserem Fachkräfte-Radar handelt es sich um eine Plattform zum Talent-Sharing, die wir als Sozialpartner im Rahmen des letzten Tarifvertrags vereinbart haben und die wir zurzeit ausrollen. Wichtig ist hierbei zu betonen, dass der Fokus auf dem Personaltransfer innerhalb der Chemie-Branche liegt.
Eigentlich müsste man von Fachkräfte-Radaren sprechen, es sind nämlich acht an der Zahl, die in den Regionen betrieben werden, weil auch die Arbeitsmärkte regional geprägt sind. Abgebende Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern, die sie nicht mehr beschäftigen können, die Möglichkeit der Teilnahme am jeweiligen Fachkräfte-Radar. Andere Unternehmen aus unserer Branche, die Mitarbeiter suchen, können die registrierten Arbeitnehmer über die Plattform recherchieren und kontaktieren. Es ist also eine klassische Matching-Logik. Hier befinden wir uns noch im Aufbau und uns freut das wachsende Interesse auf Seiten der abgebenden und aufnehmenden Unternehmen.
Auf unserer BAVC-Website findet sich eine anschauliche Darstellung.
Wir danken Ihnen, Herr Dr. Ogrinz, herzlich für das sehr interessante Gespräch. Für die Weiterentwicklung der Sozialpartnerschaft in turbulenten Zeiten und für die Arbeit am Fachkräfteparadox wünschen wir Ihnen viel Erfolg.
Über den Interviewpartner
Mitglied der Geschäftsführung des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie
Dr. Andreas Ogrinz ist seit Mitte 2014 Mitglied der Geschäftsführung des Bundesarbeitgeberverbandes Chemie (BAVC). Er ist dort für die Zukunftsthemen Fachkräfte, Innovation und Europa verantwortlich. Nach dem Studium der Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Romanistik in Mainz, Manchester und Heidelberg promovierte er mit einer vergleichenden Arbeit über die Stabilitätsaussichten lateinamerikanischer Demokratien zum Dr. rer. pol. Von 2004 bis 2008 war er zunächst in Straßburg, später in Brüssel für einen Abgeordneten des Europäischen Parlaments tätig. Anschließend wechselte er zum BAVC und war bis Mitte 2014 Leiter des Europabüros sowie Generalsekretär des europäischen Chemie-Arbeitgeberverbandes European Chemical Employers Group (ECEG).
Lesen Sie auch das Interview mit Stefan Soltmann, Abteilungsleiter Betriebspolitik beim Vorstand der IGBCE., in dem er über die Transformation der Chemiebranche, neue Kompetenzanforderungen und die Bedeutung von Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft spricht.
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