Die Herausforderungen der Transformation in der deutschen chemischen Industrie

Ein Interview mit Stefan Soltmann

Die chemische Industrie befindet sich im Wandel: Dekarbonisierung, Digitalisierung  und globale Wettbewerbsverschiebungen fordern Unternehmen und Beschäftigte gleichermaßen heraus. Wir haben mit Stefan Soltmann, Leiter der Abteilung Betriebspolitik beim Vorstand der IGBCE, darüber gesprochen, wie Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft zur Zukunftsfähigkeit der Branche beitragen. 


Deutschlands größter Chemiekonzern hat gerade seine weltweit drittgrößte Produktionsstätte im südchinesischen Zhanjiang mit einem leistungsstarken Steamcracker in Betrieb genommen. Zugleich hat ein US-amerikanischer Chemiekonzern die Schließung seines Steamcrackers im mitteldeutschen Böhlen angekündigt. Lässt sich hier ein „Go East“-Trend für die chemische Industrie erkennen, den wir schon länger in der Automobilindustrie beobachten?

Stefan Soltmann: Einen pauschalen „Go East“-Trend kann ich hier nicht erkennen. Das Projekt im südchinesischen Zhanjiang ist bereits vor einigen Jahren geplant worden, bevor sich unsere gegenwärtige Polykrise abgezeichnet hat. 

Soweit mir bekannt ist, sind aktuell keine Investitionen von deutschen Chemieunternehmen in China in Planung. Allerdings bleibt China ein großes Thema, weil die Kosten für Produktion und Transport nach Europa wesentlich günstiger sind. Daher haben wir es in Europa mit einer Marktbereinigung zu tun.

Kann der nun vereinbarte Industriestrompreis hier tatsächlich die erhoffte Entlastung schaffen?

Stefan Soltmann: Wir haben lange als Gewerkschaft für die Einführung des Industriestrompreis gekämpft und sind froh, dass er jetzt umgesetzt wird. Er allein wird nicht ausreichen, um die Chemie-Standorte und ihre Arbeitsplätze abzusichern. Hier spielen weitere Faktoren wie die schwache Nachfrage aus den Kundenbranchen der Chemie (Automotive u.a.), Regulierungsthemen und der CO2-Handel in Europa eine Rolle.

Noch wichtiger sind Produktinnovationen, die für Zukunftsperspektiven sorgen. Die traditionelle Grundstoffchemie hat es zweifellos schwer, mit anderen Regionen in der Welt zu konkurrieren. Daher braucht es erhebliche Investitionen in Produktinnovation und Standortentwicklung.

Der Trend zur Dekarbonisierung und die weitere ökonomische Expansion Chinas wird sich nicht aufhalten lassen. Wie können Politik, Wirtschaft und Mitbestimmung dennoch an industriepolitischen Rahmenbedingungen arbeiten, damit Transformation nicht zu Deindustrialisierung führen wird?

Stefan Soltmann: Hier stehen Themen auf der Tagesordnung, die nicht komplett neu sind, aber bislang nicht umgesetzt worden sind. Neben dem Industriestrompreis spielt die Art und Weise der Energieerzeugung eine wichtige Rolle. 

Die Frage des grünen Wasserstoffes als ein Instrument auf dem langen Weg zu einer CO2-neutralen Industrie muss mutiger angegangen werden. Hier müssen Politik und Wirtschaft noch enger zusammenarbeiten, um nachhaltige Produktion zu fördern. 

Dazu gehört für mich auch eine engagierte Industriepolitik der Bundesrepublik und der Europäischen Union, um mutige Antworten auf die offensive Industriepolitik der chinesischen Regierung zu finden. Die Mitbestimmung kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie für gute Arbeitsbedingungen in der Transformation Sorge trägt und die Ziele der Nachhaltigkeit unterstützt, die Innovation und Produktivität fördern. 

Die besondere Sozialpartnerschaft in der Chemie hat sich über Jahrzehnte von stabilem Wachstum und globalem Markterfolg entwickelt. Wie kann es in Zeiten tiefgreifender Umbrüche gelingen, dieses Modell „sturmfest“ zu machen?

Stefan Soltmann: Ob sich unsere Sozialpartnerschaft in der chemischen Industrie in turbulenten Zeiten bewähren wird, werden die kommenden Jahren zeigen. Ich bin grundsätzlich optimistisch, aber wir müssen gemeinsame, überzeugende Lösungen liefern. Aktuell weist der Sozialpartner häufiger auf die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit unserer Arbeitskosten hin. Schaut man nüchtern auf die Zahlen, liegt der Anteil der Personalkosten in der chemischen Produktion im niedrigen zweistelligen Bereich. Die Material- und Energieanteile sind deutlich höher. Die Arbeitskosten werden also nicht der Gamechanger sein.

Zudem sollten wir bedenken, dass ein angemessenes Einkommen von Beschäftigten ebenfalls ein wichtiger Aspekt des gesellschaftlichen Systems ist, in dem wir leben. 

Wie verändert die Transformation - insbesondere durch Dekarbonisierung und Digitalisierung - die Kompetenzanforderungen in der Chemieindustrie und wie bereiten sich Unternehmen und die Mitbestimmung darauf vor,  die Jobs von morgen für übermorgen zukunftsfähig zu gestalten?

Stefan Soltmann: Das Thema Fachkräfte ist auch in der Betriebspolitik ein wichtiges Thema. Gemeinsam mit dem Sozialpartner BAVC und einem Analytics-Partner haben wir bereits die zweite Auflage des Future Skills Report erarbeitet. Hier werden die Skill Gaps in den Bereichen Nachhaltigkeit, Materialwissenschaften und Automatisierung & Robotik klar benannt, an denen wir gemeinsam mittels klug aufgesetzter Qualifizierung und attraktiven Arbeitsbedingungen arbeiten müssen. Gerade für eine nachhaltige Chemie-Produktion, die auf Innovation setzt, ist eine hohe Qualität in der dualen Ausbildung weiterhin wichtig. 

Zugleich wird die Flexibilisierung und Dezentralisierung von Unternehmensstrukturen ein wichtiger Trend. Als Mitglied im Aufsichtsrat der Bayer AG und im engen Austausch mit dem Konzernbetriebsrat nehme ich regen Anteil an der Einführung des Dynamic Shared Ownership-Ansatzes (DSO), die vom CEO Bill Anderson als ein Instrument für die Zukunftsfähigkeit des Pharma- und Chemie-Konzerns vorangetrieben wird. Hier stehen wir als Mitbestimmung nicht passiv an der Seitenlinie, sondern gestalten diesen neuen Weg engagiert mit.

Ihr Vorsitzender Michael Vassiliades klang in seiner Grundsatzrede auf dem IGBCE-Kongress sowohl kämpferisch als auch nachdenklich, als er über die Zukunft der chemischen Industrie in Deutschland sprach. Wie haben Sie die Stimmung auf dem Kongress Ihrer Gewerkschaft mit Blick auf die Zukunft der IGBCE-Kernbranche Chemie erlebt? 

Stefan Soltmann:  Die Atmosphäre war spürbar engagiert und konstruktiv, was sich auch in den industriepolitischen Anträgen widerspiegelte. Hier war die CO2-Bepreisung ein zentrales Thema. Michael Vassiliades hat nicht umsonst von einem perfekten Sturm gesprochen. Daher ist unsere Forderung an die Arbeitgeberseite, jetzt nicht in kurzfristige Überreaktionen zu verfallen. 

Jetzt sollten Maßnahmen zur Arbeitssicherung im Vordergrund stehen, die auch vom Staat mitgetragen werden. Noch wichtiger ist es, dass die Unternehmen wieder investieren, denn das sichert die Zukunft von Arbeitsplätzen. 

Ein wichtiger Erfolgsfaktor für die chemische Industrie war und ist der Produktionsverbund in den deutschen Chemie- und Industrieparks. Welche Chancen und Ansätze sehen Sie, dass dieses bewährte Konzept trotz des Ausstiegs von einzelnen Anlagenbetreibern so weiterentwickelt werden kann, dass die Standorte und damit die Arbeitsplätze längerfristig gesichert sind.

Stefan Soltmann: Auch hier gilt auch das oben Gesagte, dass kurzfristige Überreaktionen vermieden werden sollten. Der Produktionsverbund in unseren Chemie- und Industrieparks hat immer noch einen echten Wettbewerbsvorteil, aber er muss weiterentwickelt werden. 

Das heißt neue Unternehmen mit innovativen Produktideen für die Ansiedlung in den bestehenden Parks zu gewinnen, die die hervorragend entwickelte Infrastruktur mit nutzen können. Hier spielt auch Wasserstoff wieder eine wichtige Rolle. In der Regel werden es KMUs sein, die vielleicht 100 oder maximal 200 Mitarbeitende haben, aber in der Summe können so neue und attraktive Arbeitsplätze in größerer Zahl entstehen. 

Hier kann der Staat mit einer gezielten Industriepolitik einen wichtigen Beitrag leisten. Im Fall des Beschäftigungsabbaus in nicht mehr rentablen Anlagen könnten deren Mitarbeitende direkt zu den neu angesiedelten Unternehmen innerhalb des Chemieparks wechseln. Das wäre tatsächlich der viel zitierte Ansatz von Arbeit in Arbeit. 

Wir danken Ihnen, Herr Soltmann, herzlich für das sehr interessante Gespräch. Für die Weiterentwicklung der Mitbestimmung und der Sozialpartnerschaft in turbulenten Zeiten wünschen wir Ihnen viel Erfolg.

Über den Interviewpartner

Stefan Soltmann

Leiter der Abteilung Betriebspolitik beim Vorstand der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE)

Stefan Soltmann ist seit 2002 für die IGBCE in unterschiedlichen Funktionen tätig. Er ist Mitglied im Aufsichtsrat der Altana AG und der Dow Olefinverbund GmbH.

Lesen Sie auch das Interview mit Dr. Andreas Ogrinz vom BAVC, in dem er über Wandel, Sozialpartnerschaft und neue Wege in der Fachkräftesicherung der Chemiebranche spricht.

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