Automobilzulieferer
im Zangengriff

Ein Interview mit Dr. Christian Christen 

Die Automobilzulieferer stecken im Zangengriff zwischen Personalengpass und Personalabbau. Wir haben mit Dr. Christian Christen gesprochen, wie insbesondere Kleinst- und Kleinunternehmen auf die aktuellen Herausforderungen reagieren können. (Zur Langversion [folgt])


Sie haben in ihren Netzwerken in der Region Ost viel Kontakt zu Automobilzulieferern, deren Betriebsräten und dem Management. Welche kurzfristigen Herausforderungen sehen Sie neben dem Strukturwandel?

Dr. Christian Christen:  Die Stimmungslage ist sehr unterschiedlich. Als wir vor zwei Jahren mit unseren Transformations-Projekten gestartet sind, war die Grundstimmung positiver als aktuell. Die politischen Debatten rund um den Klimafonds und den Umweltbonus für den Kauf von batterieelektrischen Fahrzeugen haben sich negativ auf die Motivation und die Mentalität in den Betrieben ausgewirkt.

Wir müssen intern etwa bei Betriebsräten und Beschäftigten vor Ort viel Überzeugungsarbeit leisten, denn aufgrund der politischen Unstimmigkeiten und unklaren Unternehmenszielen bezweifeln viele, wie schnell das endgültige Aus für den Verbrennungsmotor wirklich kommt und ob überhaupt.

Für die Region Berlin /Brandenburg lässt sich zusammenfassen: Ein Drittel der Unternehmen – sowohl Betriebsräte als auch Geschäftsführung – planen sehr skeptisch, haben sehr große Zukunftsangst. Ein Drittel der Unternehmen ist nach ihrer Selbsteinschätzung auf einem guten Weg, ein Drittel ist sich unsicher. Das ist das Ergebnis einer Studie, zu der wir auch Daten beigetragen haben.

Diese Drittelung haben uns auch zwei Restrukturierungberater in vorangegangenen Interviews beschrieben. Inwieweit beobachten Sie, dass kurzfristige Herausforderungen des Strukturwandels zum Beispiel durch Mindermengen-Abnahmen, zu Problemen mit den Materialpreisen und steigenden Personalkosten führen? 

Dr. Christian Christen: Generell haben die Zulieferer schon seit über zehn Jahren mit sinkenden Umsätzen und Margen zu kämpfen. Statistisch stagnieren oder sinken die Umsätze und Absätze der Zulieferindustrie und der großen OEMs sowie der Tier 1 und 2 in Europa und Nordamerika seit der Finanzkrise 2008 / 2009.

Damit haben wir bereits einen langanhaltenden stagnierenden Absatz bei PKWs mit Verbrennungsmotor. Dies ist hier in der Region für viele kleine und kleinste Betriebe, die Bauteile für den Verbrennungsmotor bauen, schon ein Problem und sorgt langfristig für strukturelle Effekte. Wir haben weitgehend gesättigte Märkte in Europa, so dass viele schon sagen, dass die absoluten Absatzzahlen aus Zeiten vor der Finanzkrise auch mit den elektrischen Antrieben nicht mehr erreicht werden.

Vor dem Hintergrund, dass rund 70 Prozent der Wertschöpfung der deutschen Zuliefererbetriebe in den hiesigen Markt gehen und fast 80 Prozent der in Deutschland gefertigten Fahrzeuge exportiert werden, ist das schon eine große Herausforderung, gerade mit Blick auf Qualität und technologische Entwicklung. Das gilt in besonderem Maße für Berlin/Brandenburg und Ostdeutschland generell. Wir haben hier sehr viele Kleinst- und Kleinunternehmen von 50 bis 250 Beschäftigten in der Zulieferindustrie. Das macht 70 Prozent der Unternehmen aus. Die übrigen Unternehmen sind ja quasi „verlängerte Werkbänke“ der Konzerne. Entscheidungen, ob der Standort gehalten wird, ausgebaut, ob investiert wird oder nicht, werden meist nicht hier vor Ort getroffen. 

Insbesondere die kleinen Unternehmen mit geringer Eigenkapitaldecke und teilweise Nischenprodukten bekommen bei sinkenden Absätzen und Umsätzen Probleme. Das sind oft auch Unternehmen mit einem hohen Anteil manueller, einfacher Tätigkeiten. 

Auf der anderen Seite hätte man sehr gute Standort-Bedingungen für die technologische Transformation, nicht nur für die Antriebswende, sondern auch im Zuge einer vernünftigen Sektor-Kopplung zwischen Fahrzeugindustrie, Energiesektor, Rohstoffgewinnung, Batterietechnologie, Zellfertigung. 
Grüne Energie wird aufgrund der Dekarbonisierungsstrategien der OEMs ein immer wichtigerer Standortfaktor. Die kleinen und Kleinst-Zulieferer müssen diese Vorgaben immer mehr erfüllen, ansonsten werden sie ausgesteuert. Der Preis ist das eine, wo sie oft nicht mehr mithalten können. Das andere sind steigende qualitative Vorgaben, die zum Beispiel durch die ESG-Bilanzrichtlinien gefordert werden. Und da hätten wir einen guten Standort-Vorteil: Wir haben hier in der Hauptstadtregion erneuerbare Energien.

Sehen Sie auch das Problem, dass man aus dem heutigen Cashflow zu wenig Investitions-Cashflow generieren kann, um die notwendigen Investitionen für den Switch zu realisieren? Oder ergeben sich durch die Fördermöglichkeiten doch Chancen?

Dr. Christian Christen: Die Fördermittel werden zum großen Teil nicht abgerufen. Es gibt bestimmte Mittel für Transformation, aber die kommen oft nicht in den Betrieb. Das ist das erste Problem. 

Das zweite Problem betrifft Zulieferer, die die „verlängerte Werkbank" eines Konzerns sind, der sich selbst in der Konsolidierungsphase befindet, bzw. sein Geschäftsfeld neu organisiert. Da gehen die Schlüssel-Investitionen in der Regel an die Kern-Standorte und nicht an unsere Standorte hier.

In der Presse liest man viel über Produktionsverlagerungen nach Polen, Tschechien und Rumänien. Bereitet dies den Betriebsräten Sorgen?

Dr. Christian Christen: Das sind eher Einzelfälle bei Unternehmen, die einem osteuropäischen Mutterkonzern angehören. Da wird entschieden, z. B. den Standort in Brandenburg herunterzufahren und den Standort im Mutterland aus- oder neu aufzubauen. Von kompletten Verlagerungen haben wir bisher keine Kenntnis. 

In unserer Region steht im Mittelpunkt: Bekommt man Investitionsmittel? Oder ist man als kleines inhabergeführtes mittelständisches Unternehmen in der Lage, seine Geschäftsfelder neu zu sortieren? Hat man dafür Fremdkapitalgeber? Hat man eine Belegschaft, die mitzieht? 

Stichwort „engagierte Mitarbeiter“. Personalkosten steigen auch aufgrund der Demografie und des Fachkräftemangels. Personalengpässe verschärfen die Situation. Führt das eventuell dazu, Standorte in Frage zu stellen?

Dr. Christian Christen: Die primäre Ursache ist das nicht. Obwohl die Demografie hier in Ostdeutschland noch mehr drückt als woanders im Land. Aber die Fragen nach dem demografischen Wandel der Belegschaften sind oft der Einstieg unserer Gespräche mit der Geschäftsführung und den Betriebsräten: Kennt Ihr den Altersdurchschnitt eurer Belegschaft? Wer geht eigentlich in den nächsten fünf Jahren in Rente und wie soll das aufgefangen werden? Und hier sind zu unserer Verblüffung die Leute oft „blank“.

 

Wir sehen auch oft, dass das Thema Demografie noch nicht viel Aufmerksamkeit in den Unternehmen bekommt. Beim Mittelständler mit 250 Mitarbeitenden kann man das mit einer Excel Tabelle ja schon sehr gut auswerten.

Dr. Christian Christen: Ja, das wundert uns auch, dass noch nicht mal diese Excel-Tabelle vorhanden ist. Allerdings haben wir auch wenig Zugänge zu diesen Unternehmen. Denn bei den Kleinst- und Kleinunternehmen gibt es oft keine Betriebsräte. 

Es zeigt sich immer wieder: Transformation betrifft nicht nur die Antriebswende, sondern eben auch demografische Fragen, arbeitsorganisatorische Fragen, die Integration von Technologie, Digitalisierungsfragen, effizientere Abläufe und Energieeinsätze, Ressourceneffizienz, also den ganzen Bereich der Transformation. 

 

Das Bewusstsein der Geschäftsführung und Personalabteilung für das komplette Thema ist oft noch sehr schwach ausgebildet. Der Blick wird punktuell auf Einzelaspekte gerichtet, aber man bekommt das ganze Gefüge nicht richtig zusammen.

Unsere Erfahrung ist, dass viele Unternehmen gern mehr machen würden. Aber in Klein-Unternehmen ist in der Regel der Geschäftsführer für das Thema Personal verantwortlich. Und der ist mit dem eigentlichen Tagesgeschäft schon komplett ausgelastet. Dennoch stellt sich die Frage, wie man – auch in kleinen Unternehmen – einen Anpack finden kann. 

Dr. Christian Christen: Für diese Klein- und Kleinst-Unternehmen ist vor allem Kooperation und Vernetzung wichtig. Dies können zum Beispiel Weiterbildungsverbünde sein, um trotz Abgrenzung und Marktkonkurrenz mit anderen Unternehmen in Kontakt zu treten und voneinander zu lernen. Meine Empfehlung ist, über den eigenen Bereich der Fahrzeugindustrie hinauszuschauen, zum Beispiel in die Bahntechnologie, den Maschinenbau oder die Energietechnik.

Die meisten Unternehmen, die bisher Komponenten für den Verbrennungsmotor produziert haben, wollen künftig etwas für den Elektromotor zuliefern. So einfach funktioniert es aber nicht. Die Unternehmen müssen schauen, welche anderen Produkte und Dienstleistungen es gibt. Und dafür ist ein Austausch über die Branche hinaus wichtig. Wenn ich inhouse allein nicht weiterkomme, gelingt das mitunter besser in Verbünden.

Herzlichen Dank für die spannenden Einblicke. 

Über den Interviewpartner

Dr. Christian Christen

Projektberater im Regionalen Transformationsnetz (ReTraNetz) Berlin-Brandenburg der Fahrzeug- und Zuliefererindustrie und Berater im iftp/IG Metall Berlin-Brandenburg-Sachsen (BBS) Team  

Dr. Christian Christen berät Unternehmen und deren Betriebsräte in der Fahrzeug- und Zulieferindustrie von Berlin-Brandenburg bei der Bewältigung der großen Herausforderungen des Strukturwandels. Ein wichtiges Anliegen in seiner Arbeit ist es, gerade den KMUs in der Region die Chancen von Energiewende und Digitalisierung darzustellen. Dazu gehören auch die Einstiegspunkte in sich herausbildende Ökosysteme, die Industrie und industrienahe Dienstleistungen zusammenführen. Seine fachliche Expertise umfasst neben der Transformation der Automobilindustrie auch den größeren Kontext von Wirtschaftspolitik, Finanzmarkttheorie und Globalisierung.

Lesen Sie auch das Interview mit Dr. Alexander Jaroschinsky zur Lage der Automobilzulieferer im Mittelstand.

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