Starke Leistung im Heute und zugleich radikale Veränderung für das Morgen – Perspektiven für die Zuliefererindustrie. Ein Interview mit Ralf Löckener (Gründer & Geschäftsführer, Sustain Consult GmbH)
Aktuell wird in den Medien und auf Fachtagungen der Fokus stark auf Krisenbewältigung und Sanierung gelegt. Wie sehen Sie aus Ihrer Beratungserfahrung das Verhältnis von kurzfristiger Restrukturierung und mittelfristiger Transformation bei mittelständischen Zulieferern?
Ralf Löckener: Wie unser Firmenname schon sagt, legen wir den Fokus auf Nachhaltigkeit, und das bedeutet einen umfassenden Blickwinkel und eine langfristige Perspektive. Daher werden wir vor allem von Unternehmen und ihren Betriebsräten angesprochen, die sich eine Unterstützung bei der Erarbeitung einer nachhaltigen Perspektive für ihr Unternehmen und ihre Arbeitsplätze wünschen. Hier lohnt ein kurzer Blick in unsere Firmengeschichte.
Wir sind mit Sustain Consult im Jahr 2001 gestartet. Wenige Jahre später haben wir im Zuge der Einführung des Treibhausgasemissionshandels Unternehmen beraten, die ab 2005 zur Teilnahme am Emissionshandel verpflichtet wurden, und dabei die Konsequenzen für die Industrie- und Arbeitsplatzentwicklung in Deutschland untersucht. Nehmen wir das Beispiel der Stahlindustrie: Wir hatten bereits 2004 darauf hingewiesen, dass hier ein sehr hoher Investitionsbedarf für die Technologie der Direktreduktion entsteht, denn sie ist der Königsweg zur klimaneutralen Stahlproduktion. Schon damals formulierten wir den klaren Imperativ: „Man muss langfristig denken, um kurzfristig seine Maßnahmen zu definieren“. Aber erst heute werden neue Direktreduktionsanlagen gebaut.
Was früher für die Stahlindustrie galt, trifft heute ebenso auf die Automobilindustrie zu. Aktuell ergeben sich hier neben dem Klimaschutz immense Herausforderungen durch geopolitische Veränderungen. Präsident Trumps‘ aggressiver Protektionismus ist jetzt in aller Munde. Allerdings sind die protektionistischen Bestrebungen in den USA bereits viel älter, 2009 wollten Präsident Obama und die Demokraten im Zuge der Bewältigung der Finanzmarktkrise Konjunkturprogramme mit einer „Buy American“-Klausel versehen. Leider hatten allzu viele hier in Deutschland die Hoffnung, dass die Verschärfung durch Trump in seiner ersten Amtszeit sich durch den Wechsel zum Demokraten Biden abschwächen würde. Das hat sich aber mit Blick auf den Inflation Reduction Act als Illusion erwiesen.
Wie sieht ein typischer Beratungskunde aus der Zuliefererindustrie bei Sustain Consult aus und wo liegen die wesentlichen Herausforderungen im Berateralltag?
Ralf Löckener: Viele unserer Mandate werden uns von der Arbeitnehmervertretung angetragen. Hier spielt die Sorge um die Zukunft der Arbeitsplätze vor Ort eine sehr große Rolle. Auch von Geschäftsführungen erhalten wir regelmäßig Anfragen, wobei wir stets unserem Grundsatz treu bleiben, dass die Ergebnisse unserer Beratung allen Beteiligten im Unternehmen langfristig und nachhaltig dienen sollen. Das unterscheidet uns zweifellos von Beratungskonzepten, die vor allem auf die kurzfristige betriebswirtschaftliche Optimierung setzen.
In unseren Mandaten treffen wir auf unterschiedliche Konfliktlagen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretung. Bei einem milden Konflikt geht es etwa um die Verringerung von Personalkosten, z. B. durch eine Tarifvereinbarung über unentgeltliche Mehrarbeit für einen befristeten Zeitraum. Dagegen geht es in einem harten Konflikt um Personalabbau, vielleicht sogar im Rahmen einer Standortschließung. Verlagerung von einzelnen Abteilungen ist häufig ein Zwischenschritt, den wir in unserer Beratungspraxis verstärkt erleben.
Gleich, ob milder oder harter Konflikt, beraten wir in Richtung einer Lösung, in der sich die Betriebsparteien auf die Maßnahmen verständigen, die die Krisensituation bewältigen sollen.
An welchen Punkten setzen die von Ihren Teams erarbeiteten Maßnahmen an?
Ralf Löckener: Das ist abhängig von der jeweiligen Problemlage, aber in den meisten Fällen geht es um das Produkt- und Leistungsportfolio oder um Prozesse, die zu unnötig zu hohen Kosten führen. Aufgrund der Markttrends und der technologischen Transformation in der Automobilindustrie wird die Weiterentwicklung, teilweise sogar die komplette Neuerfindung des Produktportfolios immer dringender. Ein wichtiger Faktor ist derzeit die starke Unterauslastung der Produktionskapazität von rund einem Drittel über die gesamte Branche gesehen. Das bedeutet höheren Druck auf die Preise und letztlich einen Verlust an Marge. Kurzfristig angelegte Maßnahmen der Optimierung wie die Verlagerung der Produktion in kostengünstigere Standorte im Ausland werden die Ursache des Problems nicht beseitigen. Für eine langfristige Perspektive des Unternehmens und seiner Beschäftigten muss daher das Produktportfolio grundlegend angepasst werden.
Dennoch beobachten wir bundesweit eine neue Verlagerungswelle von Produktionskapazitäten bzw. ganzen Standorten nach Ostmittel- und Südosteuopa. Wie unterscheidet sich diese Welle von der Situation in den 1990ern und in den Jahren nach der Finanzkrise?
Ralf Löckener: Hier muss man zwischen großen und mittleren oder kleinen Zulieferern differenzieren. Bei den größeren Unternehmen sehen wir mittlerweile den Trend, auch Entwicklungstätigkeiten ins Ausland zu verlagern. Im Mittelstand gibt es noch einmal Unterschiede zwischen Mehrbetrieb- und Einbetrieb-Unternehmen. Im letzteren Fall bedeutet das Nachdenken über einen neuen Standort meistens deutlich radikalere Konsequenzen für die Beschäftigten. Weiterhin spielt im Mittelstand die Rolle des Unternehmers eine deutlich größere Rolle, der im Gegensatz zum angestellten Geschäftsführer an einer langfristigen Perspektive interessiert ist.
Hier setzen wir mit unserer Beratung an, um die langfristige Zukunftsplanung mit kurzfristigen Maßnahmen zu synchronisieren. Immer mehr mittelständische Unternehmer machen die Erfahrung, dass die Hausbank die Kreditbedingungen verschlechtert, da aus Sicht des Firmenkundenbetreuers im Verbrennergeschäft kein Potential mehr gesehen wird. Da fehlt bei den auf den Mittelstand ausgerichteten Banken wohl oft das analytische Know-how.
Daher machen wir in unserer Beratung deutlich, dass das früher übliche Justieren von Stellschrauben zur Sicherung von Rendite und Marge nicht mehr der richtige Weg ist. Heute heißt es, Produktportfolio und Produktionsprozesse zu transformieren.
Wo sehen hier die Erfolgsfaktoren der Transformation? Kommt es mehr auf die Technologie oder den Menschen an?
Ralf Löckener: Es ist das häufig zitierte „Sowohl als auch!“. Entscheidend für den Erfolg ist es aus unserer Erfahrung, alle Beschäftigten für den kontinuierlichen Prozess des Lernens zu motivieren und ihr Engagement im betrieblichen Alltag für die Transformation zu aktivieren. Dafür haben wir bereits vor einigen Jahren die Betriebslandkarte als Methode entwickelt, um allgemeine und damit irgendwie auch abstrakte Unternehmensziele für die konkreten Arbeitsplätze in den verschiedenen Abteilungen abzuleiten. Dieses Instrument haben wir mittelweile in rund 100 Betrieben eingesetzt.
Zugleich braucht es in den Unternehmen den Übergang von einer häufig noch streng hierarchischen, manchmal patriarchalischen Führungskultur zu einer Dezentralisierung von Entscheidungen. In der Zuliefererindustrie müssen sich die Prozesse anpassen, z. B. weil sich die von Kunden abgerufenen Mengen deutlich dynamischer verändern, Entwicklungsprozesse beschleunigt werden müssen, der Vertrieb neue Absatzfelder erschließen soll oder in der Produktion alte und neue Produkte gleichzeitig durchgeschleust werden. Dazu brauchen die Beschäftigen in allen Bereichen mehr eigene Entscheidungsspielräume. Mit dem traditionellen Command & Control-Ansatz über drei oder vier Hierarchiestufen nach oben und wieder nach unten sind die Anforderungen nicht mehr zu bewältigen.
Allerdings bedeutet dieser Ansatz von kontinuierlichem Lernen und dezentralen Entscheidungen für die Beschäftigen und ihre Betriebsräte ein radikales Umdenken. Gerade für die Boomer ist es eine Herausforderung, im Landeanflug auf den Ruhestand noch Neues zu erlernen und jahrzehntelang eingeübtes Verhalten zu verändern. Aber genau dieses Engagement benötigen wir, um die Transformation für 2030 jetzt auf den Weg zu bringen.
Herzlichen Dank für die spannenden Einblicke.
Über den Interviewpartner
Gründer & Geschäftsführer, Sustain Consult GmbH
Ralf Löckener ist Gründungsgesellschafter und Geschäftsführer der SUSTAIN CONSULT GmbH. Seine Beratungstätigkeit konzentriert er auf die nachhaltige strategische Entwicklung von Unternehmen, Branchen und Regionen. Im Zentrum stehen dabei Projekte zur Entwicklung von Wirtschafts- standorten und regionalwirtschaftlichen Clustern, die Förderung des Dialogs zwischen Unternehmen, Politik und externen Stakeholdern sowie der Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Entwicklungen. Die Arbeitsschwerpunkte von Ralf Löckener liegen in den Branchen Energiewirtschaft / Energietechnik, Baustoffindustrie, Bauwirtschaft und Kreislaufwirtschaft.
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